Die Tresur – eine Hohenloher Besonderheit
Im 17. Jahrhundert begannen in vielen deutschen Regionen die Landschreiner damit, ihre Möbel aus Nadelholz farbig zu bemalen. Zum einen galt Nadelholz als „unedel“ – und mit der Bemalung war das Material nicht mehr zu sehen. Zum anderen entsprach das Angebot an bunt bemalten Möbeln dem ländlichen Zeitgeschmack und dem gesteigerten Bedürfnis nach Farbigkeit, das wohl auch durch die Epoche des Barocks mit seinen üppigen und überladenen Zierformen in vielen Bereichen der Kunst befeuert worden war.
Die bemalten Bauernmöbel, so die bis heute übliche Bezeichnung, erfuhren im Verlauf des 18. Jahrhunderts eine starke Konjunktur. Das Bemalen der Möbel, vor allem von Schränken, Truhen und Betten, wurde zunehmend ein bedeutendes Arbeitsfeld vieler Landschreiner. Dabei gab es naturgemäß Unterschiede in Qualität und Niveau der Möbel und der Bemalung.
Was ist eine Tresur?
In der Region Hohenlohe-Franken gesellt sich den bemalten Behältnismöbeln Schrank und Truhe ein weiterer Typus hinzu, den es in anderen Regionen mit der Tradition der bemalten Bauernmöbel nicht gibt, die Tresur. Dabei handelt es sich um halbhohe zweitürige Schränke, in der Größe vergleichbar einem Vertiko, aber mit einer Besonderheit: einem sich an drei Seiten treppenförmig nach oben verjüngendem Aufsatz. Diese Aufsätze sind weitgehend funktionslos, haben also überwiegend dekorativen Charakter. In den Stufen befinden sich keine Fächer oder Schubladen, sie können lediglich dafür verwendet werden, etwas darauf abzustellen bzw. zu präsentieren. In den bäuerlichen Haushalten der Region Hohenlohe-Frankens waren diese Möbel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr verbreitet. Mit dem Ende der Tradition des Bemalens der Bauernmöbel nach 1850 verschwanden auch diese besonderen, regionalspezifischen kleinen Aufbewahrmöbel aus dem Repertoire der Landschreiner.
Trésor? Dressoir?
Woher kommen Möbelform und Name? Bezüglich der Bezeichnung liegen Wurzeln im Französischen nahe: gleich zwei französische Begriffe kommen als Namensgeber in Frage, „Trésor“ für Wertschrank und „Dressoir“ für Anrichte. Beide Bezeichnungen streifen die Funktion der Tresur. Dass darin das gute Geschirr für besondere Anlässe und ähnlich Wertvolles aufbewahrt worden ist, wird keine Seltenheit gewesen sein. In bürgerlich-städtischen, auch höfischen Milieus wurden Anrichtemöbel seit dem Spätmittelalter als Dressoir bezeichnet. Dass die Hohenlohische Tresur zum Anrichten von Speisen verwendet worden ist, ist jedoch eher unwahrscheinlich.
Motive
Bezüglich der Bemalung finden sich ganz ähnliche Motive auf der Tresur wie auf den Schränken. Es sind neben floralen Ornamenten und religiös konnotierten Motiven vor allem idealtypische Darstellungen von Menschen mit bäuerlichem Hintergrund, die Ihren Stand und vor allem, ihren Wohlstand mit Stolz zur Schau tragen. Weit verbreitet ist das Bauernpaar in Festtagstracht, die Frau mit einem verzierten Grasrechen, der Mann eine Tonpfeife rauchend mit einer Sense dargestellt. Wenn wir als Blütezeit der Tresur die Spanne zwischen ausgehendem 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts verstehen, lassen sich innerhalb dieser Entstehungszeit zwei grundsätzlich voneinander zu unterscheidende Typen identifizieren. Die ältere Form ist durch einen offenen Sockelbereich charakterisiert, der wohl für die Präsentation dekorativer Behältnisse wie Krüge oder Schüsseln verwendet worden ist. Bei der jüngeren Bauart reicht der Korpus geradlinig bis zum Boden. Die Form und Ausprägung des treppenartigen Aufsatzes, ist bei beiden Varianten gleich.
schon im 16. Jahrhundert zu finden
Bei allem Respekt vor den Leistungen der Hohenloher Landschreiner des 18. und 19. Jahrhunderts, muss dennoch angemerkt werden, dass sie die Tresur zu einer regionaltypischen Spezialität entwickelt, nicht aber erfunden haben. Das um 1500 entstandene und dem niederländischen Renaissance-Maler Hieronymus Bosch zugeschriebene Ölgemälde „Hochzeit zu Kana“ zeigt oberhalb der Bildmitte im Hintergrund ein Möbel, das verglichen mit der hohenlohischen Tresur etwas größer erscheint, aber den charakteristischen treppenförmigen Aufsatz aufweist, auf dem hier repräsentative Kannen und Flaschen abgestellt sind. Weitere Beispiele sind unter Kunst- und Möbelkennern bekannt.
Ungeachtet dessen kann festgehalten werden, dass es außer „Mohrenköpfle“ und Blooz eine weitere Hohenloher Spezialität gibt, die die Region als Alleinstellungsmerkmal für sich reklamieren kann: die Tresur.