Altes Getreidelagerhaus in frischem Glanz
Eines der größten Gebäude des Hohenloher Freilandmuseums ist das Getreidelagerhaus. Im Jahr 1898 wurde es in Kupferzell erbaut und 1985 / 86 nach Wackershofen umgesetzt. Mit dem Bahnhof aus Kupferzell ist es über einen kurzen Schienenstrang verbunden, ähnlich der Situation in Kupferzell, als die beiden Gebäude auch Nachbarn waren.
Seit 36 Jahren stehen sie nun in Wackershofen, Wind und Wetter, Sonne, Regen und Schnee ausgesetzt, was wie bei allen Gebäuden Spuren hinterlässt. Vor einigen Jahren ist daher das Bahnhofsgebäude einer grundlegenden Fassadensanierung unterzogen worden, im Jahr 2025 war das Lagerhaus an der Reihe.
Das Lagerhaus auf der ältesten erhaltenen Abbildung von der Bahnseite aus, um 1920.
Der Zahn der Zeit
Nachdem im vergangenen Jahr die historische Technik im Inneren des Lagerhauses instandgesetzt worden war, ging es nun um die hölzernen Fassaden, die Fenster und hölzernen Lamellen, mit denen die Belüftung der oberen Etagen des Gebäudes geregelt wird, sowie um die verputzte rückwärtige Fassade, die dem Bahngleis zugewandt ist. Wer um das Gebäude herum geht, wird sich vielleicht fragen: Warum ist ausgerechnet die Rückseite verputzt und nur diese? Die Antwort: Die Dampfloks, die beim Lagerhaus an- und abfuhren, stießen heißen Rauch und Funken aus. In Verbindung mit Wind wäre das für eine hölzerne Fassade gefährlich geworden.
Angebot und Nachfrage
Warum wurde ein so großes Getreidelagerhaus errichtet, warum lagerte man das Getreide überhaupt ein? Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerieten viele Landwirte, vor allem Getreidebauern, in materielle Not, weil sie in immer stärkerem Maß von Getreidehändlern abhängig wurden. Auch beim Getreide gilt: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. In der Jahreszeit kurz nach der Getreideernte war das Angebot überall groß, der Preis daher entsprechend niedrig, vor allem seit Importgetreide aus Übersee als zusätzliche Konkurrenz auf die Märkte geleitet wurde. Die Erschließung von Verkehrs- und Transportwegen über Schifffahrt und Eisenbahn machten dies möglich. Vielerorts traten dann Getreidehändler auf, die den Bauern die Ernte zu Tiefstpreisen abkauften. Die Bauern hatten keine Wahl: sie brauchten Geld zum Leben und Wirtschaften und hatten keine Möglichkeit, ihr Getreide so lange einzulagern, bis das Angebot geringer und die Preise höher waren.
Bürgermeister mit Visionen
Das hatte der Kupferzeller Bürgermeister Wilhelm Friedrich Dutt längere Zeit beobachtet und eine Lösung entwickelt: den Bau eines genossenschaftlichen Getreidelagerhauses, des ersten in Württemberg! Auf sein Betreiben wurde 1896 in Kupferzell eine Getreideverkaufsgenossenschaft gegründet, der bald 400 Bauern angehörten. Als Gemeinschaftsprojekt wurde das Lagerhaus erbaut, mit der damals modernsten Technik wurde erreicht, dass das Getreide der Genossenschaftsbauern gereinigt und mit speziellen Transportvorrichtungen mit Motorkraft in Lagersilos befördert werden konnte. Hier wurde es nach der Ernte gelagert, bis die Preise angestiegen waren, erst dann wurde verkauft und per Bahn abtransportiert.
Ab ins Freilandmuseum!
Bis 1981 war das Lagerhaus in Betrieb, als es langsam zu klein wurde und die zur Erbauungszeit moderne Technik veraltet war, bot sich eine neue Zweckbestimmung: als Museumsgebäude im Freilandmuseum (Gebäudenummer 1b). Wir freuen uns darüber, das älteste noch bestehende genossenschaftliche Getreidelagerhaus Deutschlands in unserem Fundus zu haben, zugleich das einzige in den rund 40 deutschen Freilichtmuseen. Seit der grundlegenden Sanierung in diesem Jahr ist es fit für die nächsten Jahre und Jahrzehnte und sicher auch Schauplatz verschiedener Aktivitäten im Museumsbetrieb. Die Besichtigung ist während der Öffnungszeiten des Museums an jedem Tag möglich.