Jakob Kronenwetter – ein Nachruf
Als ich mit Jahresbeginn 2013 meine Tätigkeit als Museumsleiter im Hohenloher Freilandmuseum aufnahm, hatte ich – der gebürtige Rheinländer mit beruflichen Stationen in Hessen, Bayern und Thüringen – tatsächlich schon einmal etwas von den Jenischen gehört. Dass es sich dabei um eine Minderheit handelt, deren ehemals nicht sesshafte Angehörige in früheren Zeiten häufig als „Zigeuner“ bezeichnet worden sind, obwohl es sich bei den Betroffenen nicht um Sinti oder Roma handelt, wusste ich. Viel mehr zu diesem Thema aber nicht.
Der Landtag von Baden-Württemberg begeht in jedem Jahr den 27. Januar mit einer Gedenkveranstaltung. Im Jahr 1945 war das der Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. 2014 bekam ich eine Einladung zu der Veranstaltung in der Festhalle Fichtenau-Matzenbach und nahm mit großem Interesse teil. Es sollte in diesem Jahr die NS-Opfergruppe der Jenischen im Mittelpunkt des Gedenkens stehen – und das an einem Ort, der für die Minderheit aufgrund deren zahlenmäßiger Stärke und lange zurückreichender Geschichte als Teil der örtlichen Bevölkerung von besonderer Bedeutung ist. Für mich eine willkommene Gelegenheit, mehr über die Jenischen zu erfahren und Kontakte zu knüpfen.
An einem der gut besuchten Informationsstände am Rand der Veranstaltung traf ich auf Jakob Kronenwetter, der sich als jenischer Markthändler und Buchautor vorstellte und erklärte, an Jenischen und deren Leben in Vergangenheit und Gegenwart interessiert zu sein. Wir wechselten einige Worte, ich erwarb eines seiner Bücher und holte sein Einverständnis dazu ein, ihn zu einem späteren Zeitpunkt einmal anzurufen. Das Telefongespräch fand einige Tage später statt, Jakob nahm dabei meine Einladung in das Hohenloher Freilandmuseum nach Wackershofen an. Einige Zeit später durfte ich ihn mit seiner Frau Karin hier begrüßen
Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte: In Jakob Kronenwetter hatte ich nicht nur einen Kenner der Geschichte und der Lebensverhältnisse der Jenischen in Vergangenheit und Gegenwart kennengelernt, sondern einen herausragenden Experten mit profundem Wissen und einem riesigen Archiv an Fotos und Dokumenten, der in der Region, in ganz Baden-Württemberg und darüber hinaus im In- und Ausland bestens vernetzt war und über vielfältige Kontakte verfügte.
Wir beschlossen bereits bei unserem ersten Treffen, eine Dauerausstellung für das Hohenloher Freilandmuseum zu erarbeiten, um die Jenischen als zur regionalen Bevölkerung dazu gehörende Minderheit und Teil der regionalen Geschichte und Identität „ins Freilandmuseum zu holen“. Von da an trafen wir uns in regelmäßigen Abständen, um konzeptionelle Ideen zu entwickeln und das weitere Vorgehen zu besprechen. Dabei bekam ich immer tiefere Einblicke in Jakobs umfassendes Wissen, in die Vielfalt und Fülle seiner in jahrzehntelanger Arbeit zusammengetragenen Archivbestände und sein Netzwerk, das wir nutzten, um ein Team von Gewährspersonen und Unterstützern für unser Projekt zu formen. Es entwickelte sich eine beispiellos ergebnisorientiert kreative und konstruktive Arbeitsatmosphäre, auf deren Basis ein zunehmend partnerschaftliches Verhältnis entstand, das von gegenseitiger Wertschätzung, Sympathie und Freundschaft gekennzeichnet war.
Für einige Monate nahm die Arbeit an der Ausstellung, der wir den Namen „Auf der Reis’ – Die ‚unbekannte‘ Minderheit der Jenischen im Südwesten“ gaben, einen großen Teil meiner Arbeitszeit ein. Für das Freilandmuseum bedeutete dieses Projekt in vielerlei Hinsicht Neuland und auch für Jakob war es der erste Exkurs in das Museums- und Ausstellungswesen. Mit unerschütterlicher Zielstrebigkeit machte er es sich zur Aufgabe, Ausstellungsstücke zu beschaffen, bei Angehörigen der Minderheit dafür zu werben, uns Zeugnisse aus der Vergangenheit zu überlassen oder bereitzustellen und uns mit Dokumenten, Bildern und ihren Geschichten zu unterstützen. Die vielen Exponate, vom Wandergewerbeschein über die Werbefahne bis zum voll ausgestatteten Reisewagen, konnten allesamt nur durch Jakobs nicht endendes Engagement ihren jeweiligen Weg in die Ausstellung finden. Auch nach der Eröffnung 2017 steuerte er immer wieder die eine oder andere kleine Sensation zur Ausstellung bei, die sich dadurch immer wieder erweiterte.
Von Anfang an haben wir viel Unterstützung und Sympathiebekundungen für unser Vorhaben bekommen, sowohl von Angehörigen der Minderheit als auch von nicht-jenischen Menschen aus der Region und darüber hinaus. Wir erfuhren aber auch Ablehnung und Anfeindungen, teilweise auch auf einem Niveau, das uns durchaus erschreckt hat. Wir haben unser Projekt jedoch konsequent verfolgt und erfolgreich abgeschlossen. Am 21. Mai 2017 haben wir die Ausstellung mit einem Zustrom von Gästen eröffnet, der in der bis dahin 35-jährigen Geschichte des Museums einzigartig gewesen ist.
Über das Ausstellungsprojekt hinaus habe ich Jakob Kronenwetter über die Jahre hinweg in immer stärkerem Maß als engagierten Kämpfer gegen jede Form der Intoleranz, Unfreiheit und Diskriminierung wahrgenommen und geschätzt. Er hat sich für das Andenken an NS-Opfer engagiert, ist für unsere Demokratie und gegen deren Feinde mit ihren Bestrebungen, sie zu beschädigen oder ganz abzuschaffen eingestanden, und hat dafür Unterstützung und breite Anerkennung erfahren. Seine Stimme war immer dann gefragt, wenn es darum ging, Positionen eines freiheitlich-toleranten Gemeinwesens zu vertreten und für diese Werte einzutreten. Mit Jakob Kronenwetter verliere ich nicht nur einen ganz außergewöhnlichen und besonderen Menschen an meiner Seite, sondern einen guten Freund, dessen Andenken ich in Ehren halten und niemals vergessen werde.