Vom Wald ins Museum
Das Hohenloher Freilandmuseum bekommt immer wieder unterschiedliche Museumsobjekte angeboten. Vieles davon kann das Museum nicht übernehmen, da es bereits mehrfach in der Sammlung vorhanden ist, oder auch eine entsprechende Überlieferung fehlt. Bei manchen Gegenständen ist dies aber anders.
Als Werner Reuter in seinem Waldstück bei Kressberg (Landkreis Schwäbisch Hall) im November 2020 eine Rotbuche fällte, dachte er nicht daran, dass ein Teil des Holzstammes womöglich einmal unter einer Vitrinenhaube landen würde!
Erst wenige Tage zuvor hatte Reuter mit seinem Bruder Helmut über genau diesen Baum im familieneigenen Waldstück zwischen Mariäkappel und Wüstenau gesprochen, denn in diesem waren Einritzungen vom „französischen Gefangenen der auf’m Hof mitg’schafft hat“. Bei dem Gefangenen handelte es sich um den französischen Kriegsgefangenen Marcel Pérault, der 1941 / 42 auf dem Hof der Großeltern in Wüstenau eingesetzt wurde. Damals hatte die Familie noch den Namen Hammer; Werner und Helmuts Mutter übernahm Hof, da ihre Brüder im Krieg gefallen waren, und heiratete später einen Reuter, mit dem sie den Hof weiter bewirtschaftete und eine Familie gründete.
Pérault war verwaltungstechnisch unter der Gefangenennummer 72340 dem Lager Hammelburg in Unterfranken von März 1941 bis Juli 1942 zugeordnet. Geboren 1907, stammte er aus der Region Centre-Val de Loire. Er war selbst Bauer, katholisch und verheiratet.
im Wald
Wann und unter welchen Umständen Pérault die Einritzungen machte, lässt sich nicht abschließend beantworten. Die Stelle, an welcher die Rotbuche stand, liegt unmittelbar neben einem heute nur noch schwach erkennbaren Waldfahrweg, der für das Aufladen von Laub als Stallstreu im Winter genutzt wurde. Hierfür wurde in diesem Waldstück, in dem nur Laubbäume stehen, mit großen Rechen das im Herbst abgefallene und abgetrocknete Laub zusammengerecht und auf den Wagen geladen. Im Winter wurde dieses dann – statt Stroh – im Stall als Einstreu benutzt. Die Familie Hammer hatte Rinder, Schweine und Kleinvieh auf ihrem Hof. Etwas weiter am Waldsaum entlang befand sich in einer Böschung auch eine kleine Kiesgrube. Aus dieser holte die Familie das Sediment heraus, um ihre Felder an Stellen, wo sich Kuhlen und Senken bildeten, in denen sich Wasser sammelte, aufzufüllen.
Auszug des Gefangenenregisters aus dem Kreisarchiv Schwäbisch Hall.
Pérault war also häufiger in diesem Waldstück und hatte unterschiedliche Gelegenheiten, hier die Einritzungen vorzunehmen. Er musste auch täglich daran vorbeilaufen, da seine Unterbringung nicht auf dem Hof in Wüstenau war, sondern in der Brauerei Adler in Mariäkappel. Von wo aus auch die anderen Kriegsgefangenen auf die Höfe der Gegend verteilt wurden.
Der Alltag Péraults als französischer Kriegsgefangener unterschied sich deutlich von den in der Zwangsarbeiterbaracke aus Hessental (Museumsgebäude 15) geschilderten Schicksalen der osteuropäischen Zwangsarbeiter.
Dies wird auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich. Wie in vielen Bauersfamilien Hohenlohes, die in den Gefangenen nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Menschen sahen und diese auch so behandelten, gab es nach dem Ende der Kriegshandlungen Kontakt zu den ehemaligen Feinden. So auch zwischen den Familien Pérault und Hammer / Reuter. Pérault besuchte die Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mehrere Male, das letzte Mal in den 1970er-Jahren, wovon sich Fotos im Familienalbum erhalten haben. Die Mutter der Brüder hielt zeitlebens einen Briefwechsel aufrecht.
Der Weg ins Museum
Das Zeugnis, welches Marcel Pérault in der Rotbuche hinterließ, blieb 78 Jahre erhalten – von der Öffentlichkeit unbemerkt –, bis der Baum 2020 gefällt wurde und die Brüder Reuter sich der Geschichte wieder bewusst wurden.
Die beiden gingen auf die Lokalzeitung zu und fragten an, ob das nicht etwas wäre, wozu recherchiert werden könne. Der zuständige Redakteur nahm sich der Sache an und fragte beim Kreisarchiv Schwäbisch Hall an, ob etwas über „Gefangener Marcel Perault 1941 1942“ herauszufinden sei. Nach kurzer Recherchearbeit konnte der Name als „Pérault“ bestätigt werden – mitsamt Gefangenennummer. Der Baumstamm wurde durch den damaligen Kreisarchivar Matthias Röth gesichert und verwahrt. Durch eine Ausstellungskooperation zwischen dem Kreisarchiv Schwäbisch Hall und dem Hohenloher Freilandmuseum, bei der die Ausstellung „Die Kinder aus der Region Zamość – 80 Jahre Vertreibung“ in der Zwangsarbeiterbaracke aus Hessental 2024 im Museum gezeigt wurde, kam schließlich die Sprache auf das Teilstück der Buche. Beiden Kooperationspartnern war klar, dass dieses Objekt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte, und es entstanden erste Ideen dazu. Das Objekt wurde ins Hohenloher Freilandmuseum überführt und dort zunächst verwahrt. Nach längerem ungewissem Status des Baumstammteilstücks und einem Personalwechsel an der Spitze des Kreisarchivs Schwäbisch Hall, konnten die Arbeiten Ende 2025 wieder aufgenommen werden.
Besonders der Erhaltungszustand gab den Verantwortlichen im Museum zu denken: Durch die längere, teilweise unkontrollierte Trocknung des Baumstammteilstücks hatten sich bereits Risse gebildet. Auch drohten an unterschiedlichen Stellen Teile der glatten Rinde abzublättern. Um diesen Prozess unter Kontrolle zu halten und das Erscheinungsbild der Einritzungen für die Nachwelt zu bewahren, wurde das Objekt durch Restaurator Volker Immel aus Ilshofen konservatorisch behandelt.
Bereits vorher waren neben den Wörtern auch weitere Einritzungen aufgefallen, wie ein fünfzackiger und ein sechszackiger Stern, aber auch ein unbekanntes Zeichen über dem „G“ von „Gefangener“. Durch die Restaurierung wurde darüber hinaus noch ein Portrait entdeckt.
Was im Einzelnen mit den Symbolen gemeint ist, lässt sich heute nur noch mutmaßen. Durch die angestellten Recherchen erhält die Interpretation aber eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Während die Bedeutung des fünfzackigen Sterns unklar bleibt und dieser eventuell nur ein Zierelement oder ein Versuch war, deutet der sechszackige Stern auf die Unterbringung Péraults in der Brauerei Adler hin: Der sogenannte Brauerstern findet sich noch heute an vielen Brauereigaststätten, Wirtshausauslegern oder schlicht auf Flaschenetiketten wieder. Das unbekannte Zeichen erhält durch den Hinweis auf die Schlaf- und örtliche Internierungsstelle Péraults ebenfalls eine mögliche Bedeutung. Es könnte sich dabei um einen stilisierten Adler handeln. Insbesondere in Verbindung mit dem Brauerstern erscheint dies möglich. Weiterhin befindet sich seitlich neben der Schrift ein eingeritztes Portrait. Wen es zeigt, ist unbekannt. Es könnte ebenso eine Frau wie einen Mann darstellen – Vielleicht hat Pérault sich selbst neben den Schriftzug verewigt.
Parallel zur Restaurierung wurde Kontakt zu dem erwähnten Zeitungsredakteur aufgenommen, der den Wissenschaftlern wiederum den Kontakt zu einem der Brüder Reuter weitergeben konnte. Bei einem gemeinsamen Termin im Waldstück zwischen Mariäkappel und Wüstenau mit Helmut und Werner Reuter konnte die Geschichte des Objekts vom Wald ins Museum im Mai 2026 nun nachvollzogen werden.